TikTok, Instagram und Co: Die Risiken sozialer Netzwerke im Fokus

Soziale Netzwerke bieten mehr Vor- als Nachteile. Auf welche Risiken besonders Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern achten sollten, um Social Media in vollem Umfang gefahrlos nutzen zu können, erfahren Sie im Interview mit Matthias Jax von Saferinternet.at.

Hände halten Smartphone.
Social Media. Foto: Adobe Stock

Welchen Risiken sind Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok ausgesetzt?
Matthias Jax: Es gibt eine Vielzahl an Dingen, über die Kinder und Jugendliche stolpern können – in erster Linie sind es aber die Inhalte. Wenn ich zum Beispiel auf Instagram unterwegs bin, sehe ich Videos oder Bilder, die etwas mit mir machen und mich möglicherweise auch verstören können. Das können Inhalte sein, die beliebt sind und die ich deshalb sehe, aber auch Inhalte, die ich bewusst suche, wie zum Beispiel Diät-Tipps. Vielen fällt es schwer einzuschätzen, wie sie damit kritisch und distanziert umgehen.

Welche positiven Aspekte bringen Instagram, TikTok & Co. den Jugendlichen?
Jax: Soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram haben weitaus mehr positive als negative Aspekte. Natürlich spricht man sehr häufig zuerst über Nachteile und Risiken. Aber hervorzuheben ist: Wir haben durch Social Media die Möglichkeit, uns digital über die Grenzen hinweg auszutauschen – mit anderen Kulturen, Menschen und Inhalten, mit denen wir vielleicht vorher nie in Kontakt gekommen wären. Das ist etwas Großartiges. Das heißt, dass die globale Welt wirklich zu einem Ort mit einer gefühlt kleineren Gemeinschaft geschrumpft ist. Wenn man sich sinnvoll damit beschäftigt, kann man das auch genießen, erleben und relativ viel für sich herausholen.

Was müssen Eltern hinsichtlich der Risiken beachten?
Jax: Ganz wichtig ist, mit den Kindern frühzeitig über die Themen zu reden. Ein striktes Verbot ist kontraproduktiv. Zuerst muss man mit Kindern und Jugendlichen sprechen und zum Beispiel folgende Fragen thematisieren: Was passiert, wenn ich über Inhalte stolpere, die mir Angst machen? Was mache ich, wenn mich plötzlich jemand anschreibt, den ich nicht kenne? Habe ich dabei ein komisches Gefühl? Wie kann ich damit umgehen? Mit diesen Fragen sollen Kinder zu den Eltern gehen können ohne Angst zu haben, dass dann ihr Handy weggenommen oder das Internet abgeschaltet wird.

Hinweis

Wie Sie sich gegen Hasskommentare zur Wehr setzen, erfahren Sie im Beitrag „Erste Hilfe bei Cyber-Mobbing: Tipps für Eltern und Kinder“.

Sollten Kinder in solchen Fällen immer zu ihren Eltern gehen? Wie sieht das Ihrer Erfahrung nach in der Praxis aus?
Jax: Die Empfehlung lautet ganz klar, den Kindern zu vermitteln: Ja, als erwachsene Ansprechperson bin ich für dich da. Aber im Regelfall wird es so sein, dass das Kind relativ spät zu mir kommt, weil es zunächst versucht, das Problem selbstständig zu lösen. Das ist grundsätzlich positiv. Nichtsdestotrotz ist es sehr wichtig, offen zu sein und Kindern die Möglichkeit zu geben, darüber zu reden - auch wenn möglicherweise schon viel davor passiert ist. Dabei sollten Eltern auch klarstellen, dass sie jetzt nicht das Handy wegnehmen oder eben ein Internetverbot aussprechen. Das ist nämlich oft die größte Angst bei Kindern und Jugendlichen. Eltern sollten besser mit ihren Kindern gemeinsam eine Strategie zu den nächsten Schritten erarbeiten, um das Problem aus der Welt zu schaffen.                                                                                               

Das Allerwichtigste ist jedoch, den Kindern ein paar Tricks und Tools in die Hand zu geben: Wird es zum Beispiel online von jemanden angeschrieben, sollte man zuerst versuchen herauszufinden, wer das eigentlich ist. Hat man ein komisches Gefühl, muss man mit dieser Person nicht reden und kann sie ignorieren oder blockieren. Solche Tools zum Melden von Personen und Inhalten sind auch auf den jeweiligen Plattformen verfügbar. Und das sollte – ebenso wie das kritische Hinterfragen mit den Kindern – regelmäßig trainiert werden.

Vor welchen Betrugsmaschen sollten sich Kinder und Jugendliche besonders in Acht nehmen?
Jax: Der Klassiker in den sozialen Netzwerken und vor allem bei Chat-Programmen wie WhatsApp und Co. sind Kettenbriefe oder Links, die versprechen, dass man bestimmte Zusatzfunktionen wie zum Beispiel eine bunte Tastatur bekommt, wenn man darauf klickt. Kinder und Jugendliche sind schnell dazu verleitet, dem zu vertrauen und einfach auf den Button zu drücken. Das passiert aber nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen. Aber ohne Wissen darüber kann es relativ schnell passieren, dass in unbedachter Weise persönliche Daten hergegeben werden. Das müssen nicht immer die Kreditkartendaten sein, das kann auch der Name, die Adresse oder vielleicht die Telefonnummer sein. Die Betrügerinnen und Betrüger können diese Informationen zum Beispiel für Spam Calls nutzen.

Gibt es einen klaren Call-to-Action für solche Situationen?
Jax: Wenn einem etwas komisch vorkommt in den sozialen Netzwerken, soll man das sofort melden. Wenn es dann nicht gegen die Richtlinien verstößt, wird weiters nichts passieren. Trotzdem ist das proaktive Melden okay. Diese Funktion der sozialen Netzwerke zu nutzen und aufs Bauchgefühl zu hören, muss man trainieren. Was kann stimmen, was kann nicht stimmen? Man muss sich das immer im Einzelfall anschauen.

Wo können sich Kinder, Jugendliche und Eltern über soziale Netzwerke informieren?
Jax: Einerseits bei den sozialen Netzwerken selbst. Aber auch bei Projekten wie Saferinternet.at. Wir haben zu den einzelnen sozialen Netzwerken Schritt-für-Schritt-Guides erstellt. Da findet man Informationen zu Privatsphäre-Einstellungen oder Tipps für Eltern. Im Krisenfall kann man immer Rat auf Draht (147) anrufen. Das Angebot richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an die erwachsenen Bezugspersonen.

Tipp

Hier geht es zum dazugehörigen Videoclip: Social-Media-Tipps für Jugendliche. Hilfreiche Tipps finden Sie auch in den Ratgeber-Videos Frag Barbara! beziehungsweise auf Saferinternet.at.

Woran können Jugendlichen unseriöse Kontaktversuche in sozialen Medien erkennen?
Jax: Bei unseriösen Kontaktversuchen geht es sehr häufig um das Thema Anerkennung, nach der Kinder und Jugendliche suchen. Bei einem Onlinespiel wäre der Kontaktversuch beispielsweise das Anbieten von Hilfe, um das nächste Level zu erreichen: Die unbekannte Person spielt für mich weiter und verlangt als Gegenleistung plötzlich Bilder oder andere intime Details von mir. Auf Instagram oder TikTok geht die Kontaktaufnahme mehr in Richtung „Talent Recruiting“. Jemand behauptet, daran interessiert zu sein, dass ich als Person mehr Erfolg habe.

Auf Instagram oder bei TikTok wird häufig der Kontakt zu Mädchen über das Thema Talent und Schönheit aufgenommen. Kinder und Jugendliche haben das Gefühl, sie wären jetzt in Kontakt mit einem Model-Agenten, der sie fördern und unterstützen möchte. Die Kinder und Jugendlichen werden dann unter Druck gesetzt, indem es heißt, „Wenn du nicht schnell reagierst, bringe ich dich nicht weiter.“ Das ist eine Gefahr. Und als Dank werden dann Fotos eingefordert. Das sind ganz klassische Maschen, über die man mit den Kindern reden muss, damit sie wissen: Finger weg davon, die Person blockieren und idealerweise melden.

Gibt es spezielle Einstellungen auf TikTok und Instagram, die Sie jeder Nutzerin und jedem Nutzer empfehlen würden?
Jax: Viele dieser Einstellungen, vor allem wenn es jüngere Userinnen und User sind, werden mittlerweile automatisch gemacht. Die Accounts sind privat oder Inhalte können nicht veröffentlicht, aber mit der Freundesliste geteilt werden. Auch das ist etwas, das man gerade mit den jüngeren Jugendlichen immer wieder besprechen muss. Ist es wichtig, dass das wirklich online für alle sichtbar ist oder reicht es, wenn es online ist und es nur der Freundeskreis sieht?

Oft geht es weniger um die Einstellungen bei dem sozialen Netzwerk, sondern darum, welche Inhalte ich hochlade oder welchen Namen ich dort angebe. Ist es wichtig, dass es mein echter Name ist? Braucht es mein Geburtsdatum? Welche Informationen sind öffentlich einsehbar und welche nicht? Solche Fragen muss man sich im Vorfeld immer stellen.

Wann beginnt Social-Media-Konsum in Bezug auf Zeit und Intensität problematisch zu werden?
Jax: Sechs, zwölf oder mehr als 24 Stunden am Tag: Es gibt jetzt nicht die eine Zahl, wo man sagt, das ist die Grenze. Vielmehr soll man darauf achten, wie Jugendliche mit anderen Dingen umgehen: Wie läuft es in der Schule? Hat sie oder er regelmäßigen Kontakt mit Freunden? Macht das Kind noch andere Dinge neben den sozialen Netzwerken? Wenn das alles okay ist, dann ist es auch am Wochenende in Ordnung, wenn das Kind – gerade in der Pandemie – mehrere Stunden vor dem Computer sitzt.

Anders muss die Situation bewertet werden, wenn jemand nur noch in sozialen Netzwerken abhängt, keinen Offline-Kontakt mehr mit Freundinnen und Freunden hat, die Schulnoten vielleicht schlechter werden und sich immer mehr zurückzieht. Dann ist es wichtig, auch wirklich hinzuschauen und klar zu sagen, dass das ein Problem ist und neue Regeln notwendig sind.

Social Media ist auch ein Ort der Selbstinszenierung. Welchen Rat würden Sie Jugendlichen diesbezüglich mit auf den Weg geben? Was können auch Eltern beachten?
Jax: Selbstinszenierung in digitalen Medien ist ein großes Problem, insbesondere, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Die Welt der Influencerinnen und Influencer ist eine, die einem vorspielt, dass alles perfekt ist. Auf Instagram sind wirklich muskulöse Frauen und Männer zu sehen, die ihren Körper in dieser Form nicht erarbeiten hätten können, ohne irgendwelche Zusatzstoffe zu nehmen. Das weiß man auch. Das Problem ist: Wir werden trotzdem mit diesen Informationen und mit diesen Bildern konfrontiert. Und das macht etwas mit uns. Auch wenn Jugendlichen und Kindern bewusst ist, dass es sich dabei um eine Inszenierung handelt, wollen sie doch ein bisschen wie die Influencerin oder der Influencer sein. Eltern können das regelmäßig reflektieren und mit dem Kind besprechen. Das hilft, solche Bilder und Inhalte in den richtigen Kontext zu setzen und auch, um einen sogenannten „Reality-Check“ zu bekommen.

Tipp

Wer Social Media nutzt, sollte auch die Risiken kennen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch im Beitrag „Jugendliche auf Social Media – Trends, Risiken und Tipps für Eltern“. 

Letzte Aktualisierung: 29. September 2022

Für den Inhalt verantwortlich: A-SIT Zentrum für sichere Informationstechnologie – Austria