Internet- und Gamingsucht: Wenn digitaler Medienkonsum das Leben bestimmt

Der exzessive Konsum von digitalen Medien ist ein Phänomen unserer Zeit. Werden dabei soziale Aktivitäten und die Schule vernachlässigt, sollten Erziehungsberechtigte mit Bedacht intervenieren. Welche Möglichkeiten es hier gibt, erklärt Roland Mader, Primar des Anton Proksch Instituts, im Interview.

Offene Handflächen darüber symbolisierte Atomkugel mit blauem Umriss eines Menschen
Internetsucht im Fokus. Foto: Adobe Stock

Die Internet- und Gamingsucht gehört nach der internationalen Klassifikation für Krankheiten zu den substanzungebundenen Verhaltenssüchten. Das Belohnungssystem des Menschen gewöhnt sich dabei an die Dopaminausschüttung bei bestimmten Tätigkeiten wie Computerspielen, wodurch eine Abhängigkeit entstehen kann. Werden in weiterer Folge das Sozialleben sowie schulische oder berufliche Verpflichtungen vernachlässigt, liegt ein problematisches Suchtverhalten vor. Dieses zu erforschen und zu behandeln, wenn andere Maßnahmen nicht mehr greifen, ist Aufgabe des Anton Proksch Instituts, einer der führenden Suchtkliniken in Europa.

Roland Mader, ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts, erklärt im Interview, wie sich Eltern gegenüber Kindern mit exzessivem Internet- und Spielkonsum verhalten können und warum Prävention und Medienkompetenz heute wichtiger denn je sind.

Wie viel Zeit ist aus medizinischer Sicht für Internetsurfen und Computerspielen vertretbar?
Roland Mader: Dazu gibt es keine einheitlichen Studien, jedoch eine gute Empfehlung von „Safer Internet“: Bis zum Alter von drei Jahren nur in Ausnahmefällen, nie allein und nur kurz (15 Minuten am Stück, höchstens eine Stunde am Tag). Im Alter von vier bis fünf sollten es nicht mehr als 30 Minuten am Stück sein, höchstens eine Stunde am Tag, wenig allein und mit klaren Regeln. Ab sechs Jahren wird die zeitliche Begrenzung immer schwieriger. Wichtig sind Regeln, die in der Familie vereinbart werden, zum Beispiel zeitliche Begrenzungen wie etwa erst nach den Schulaufgaben, nicht direkt vor dem Schlafengehen. Oder man kann auch gemeinsam eine Stundenbegrenzung vereinbaren, die mit dem Alter ausgedehnt wird. Allein online sein sollten Kinder bis zu zehn Jahren nur möglichst kurz. Auch Sperr-Apps sind hilfreich. Wichtig wäre auch eine Reflexion und Diskussion über konsumierte Medieninhalte. Generell gilt: Je jünger die Userin oder der User, umso weniger Bildschirmzeit. Bei Erwachsenen sind Online-Zeiten von drei bis vier Stunden täglich als normal anzusehen.

Hinweis

Weiterführende Informationen in Bezug auf den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen finden Sie auf der Website von Saferinternet.at.

Wie häufig ist Internet- und Gamingsucht bei Kindern und Jugendlichen in Österreich?
Mader: Eine Innsbrucker Studie besagt, dass vier bis sechs Prozent der Jugendlichen internetsüchtig sind.

Wie machen sich Internet- und Gamingsucht bei Kindern und Jugendlichen für das nähere Umfeld bemerkbar?
Mader: Gefährlich wird es, wenn ein sozialer Rückzug besteht, wenn sich das Kind oder der Jugendliche zunehmend im Zimmer „verkriecht“ und wenn soziale Kontakte oder frühere Freizeitinteressen vernachlässigt werden. Auch eine Verschlechterung der schulischen Leistungen kann ein typischer Hinweis sein.

Wie können sich Erziehungsberechtigte gegenüber ihren Kindern verhalten, die ein problematisches Konsumverhalten mit digitalen Geräten aufweisen?
Mader: Das Wichtigste ist immer im Gespräch zu bleiben und sich für das zu interessieren, was Kinder an ihren Geräten tun. Entscheidend ist auch Offline-Aktivitäten anzubieten: ein gemeinsames Spiel, einen Familienausflug, ins Kino zu gehen und danach über den Film zu reden. Alle sollten auch ihre Sorgen äußern dürfen. Wenn diese Maßnahmen nicht greifen, dann sollen Eltern eine Beratung in Anspruch nehmen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Kinder und Jugendliche mit Internet- oder Gamingsucht?
Mader: Es gibt wenige spezifische Einrichtungen zur Beratung oder Behandlung. Ein spezifisches Angebot für Internetsucht stellt etwa das Anton Proksch Institut in Wien, und zwar mit einer ambulanten Beratung oder Behandlung, aber auch mit einem achtwöchigen stationären Therapieprogramm.

Hinweis

Anlaufstellen für Internet- und Computersucht finden Sie zudem am Gesundheitsportal unter „Internet- & Computersucht: Beratung & Hilfe“. 

Welche präventiven Maßnahmen können gegen Internet- oder Gamingsucht helfen?
Mader: Eltern sollten von Anfang an ihre Kinder hinsichtlich ihres Medienkonsums begleiten und am Ball bleiben, neugierig sein, sich immer für das interessieren, was Kinder am Handy oder im Internet tun. Sie sollten auch mit dem eigenen Verhalten ein Vorbild sein. Das heißt, zeigen, dass man durchaus auf das Handy vorübergehend verzichten kann. Außerdem sollten sie Alternativen anbieten, interessante Offline-Aktivitäten fördern und diese am besten gemeinsam betreiben.

Tipp

Lesen Sie im Interview „‚Digital Detox‘ durch reduzierte Bildschirmzeit: Vorteile für Safety und Security“, warum Sie Ihre Screentime regulieren sollten und welche Methoden dabei helfen. 

Lässt sich eine Zunahme von Fällen exzessiven Internet- und Gamingkonsums beobachten?

Mader: Ja! Das Internet ist ein ständig wachsendes Medium mit immer interessanteren, weil technisch ständig sich verbessernden Inhalten. Durch die vermehrte Nutzung werden auch mehr Menschen ein Nutzungsproblem entwickeln. Diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Die Prävention innerhalb der Familie und in Schulen – Stichwort „Medienkompetenz“ – wird entscheidend sein, um den Schaden zu minimieren.

Hinweis

Eine Auswahl an Förderprogrammen für die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern finden Sie im Beitrag „Frühe Förderung digitaler Kompetenzen ab der Volksschule: Überblick und Angebote“.

Letzte Aktualisierung: 8. März 2023

Für den Inhalt verantwortlich: A-SIT Zentrum für sichere Informationstechnologie – Austria